Weltwissen der Siebenjährigen

Das Buch „Weltwissen der Siebenjährigen“ von Donata Elschenbroich

„Ein Theoriefurz“?!

Eine Frau, durch ihre Forschungsarbeit Fachfrau für die frühen Jahre der Bildung bei Kindern, schreibt eine Liste, was Kinder wissen sollten im Alter von sieben Jahren. Und trägt sich als Reaktion viel Ärger von anderen ein. „Ein Theoriefurz.“ So die abwertendste Beurteilung dieses Vorhabens. Schon deswegen kann man sich diese Liste nicht ersparen. Hier also kommt das Ärgernis:

Von Ursula Hellert

Weltwissen: eine erste Liste (1996)
…Ein siebenjähriges Kind sollte vier Ämter im Haushalt ausführen können (etwa: Treppe kehren, Bett beziehen, Wäsche aufhängen, Handtuch bügeln). Es sollte ein Geschenk verpacken können. Zwei Kochrezepte umsetzen können, für sich und einen Freund, für sich selbst und für drei Freunde. Es sollte einmal ein Baby gewickelt oder dabei geholfen haben. Es sollte gefragt haben können, wie Leben entsteht. Es sollte eine Vorstellung davon haben, was bei einer Erkältung in seinem Körper vorgeht, und eine Wunde versorgen können. Das Kind sollte wissen, wie man drei verschiedene Tiere füttert, und Blumen gießen können. Ein Kind sollte schon einmal auf einem Friedhof gewesen sein. Es sollte wissen, was Blindenschrift ist, und vielleicht drei Wörter in Blindenschrift (oder Gehörlosensprache) verstehen. Es sollte drei Zaubertricks beherrschen. Drei Lieder singen können, davon eines in einer anderen Sprache. Es sollte einmal ein Musikinstrument gebaut haben. Es sollte den langsamen Satz einer Sinfonie vom Recorder dirigiert haben und erlebt haben, dass die Pause ein Teil von Musik ist. Es sollte drei Fremdsprachen oder Dialekte am Klang erkennen. Drei Rätsel, Witze erzählen können. Einen Zungenbrecher aufsagen können. Es sollte drei Gestalten oder Phänomene in Pantomime darstellen können und Formen der Begrüßung in zwei Kulturen. Ein Gebet kennen. Reimen können, in zwei Sprachen. Ein chinesisches Zeichen geschrieben haben. Eine Sonnenuhr gesehen haben. Durch ein Teleskop geschaut haben, zwei Sternbilder erkennen. Wissen, was Grundwasser ist. Was ein Wörterbuch ist, eine Wasserwaage, eine Lupe, ein Katalysator, ein Stadtplan, ein Architekturmodell. In einer Bücherei gewesen sein, in einer Kirche (Moschee, Synagoge…), in einem Museum. Einmal auf einer Bühne gestanden haben und einem Publikum mit anderen etwas Vorbereitetes vorgetragen haben. Ein siebenjähriges Kind sollte einige Ereignisse aus der Familiengeschichte kennen, aus dem Leben oder der Kindheit der Eltern oder Urgroßeltern. Und etwas aus der eigenen Lebensgeschichte: zwei Anekdoten über sich selbst als Kleinkind erzählen können. Wissen, zu welcher Zeit – der Eltern, der Großeltern – das Haus gebaut ist, in dem man wohnt. Einen Streit aus zwei Positionen erzählen können. Ein Beispiel für Ungerechtigkeit beschreiben. Konzepte kennen: Was ist ein Geheimnis, was ist Gastfreundschaft, was ist eine innere Stimme, was ist Eifersucht, Heimweh, was ist ein Missverständnis. Ein Beispiel kennen für den Unterschied zwischen dem Sachwert und dem Gefühlswert von Dingen…

(S. 23 ff.)

Welche Reaktionen spüren Sie, wenn Sie diese Liste lesen? Die Autorin oder Mitglieder ihres Teams haben im nächsten Schritt mit ihrer Liste als Vorlage Gespräche mit vielen unterschiedlichen Menschen geführt. Dabei waren Wissenschaftler, Praktiker aus Pädagogik, Technik und Wirtschaft, Theologen und Eltern. Wie schon angedeutet, kamen ganz unterschiedliche Standpunkte zum Tragen. Die einen sind dankbar über das, was es gibt. Die anderen sehen ein beständiges Nachlassen der Forderungen an Kinder, und zwar zu ihrem Schaden. Aber noch einmal zurück zu der Frage nach der ersten Reaktion auf eine solche Liste. Eine Grundschullehrerin geht die Liste Punkt für Punkt durch und kann zu allem sagen: „das haben wir auch durchgesprochen“. Eine Achtjährige wird zu Themen befragt und stöhnt, wie langweilig das letzte Sachkundethema war. Es ging um das Brot. Wieso ist es langweilig, im Sachkundeunterricht das Thema Brot durchzunehmen? Sind das übersättigte Kinder, denen nur noch interessant ist, was mit action und comic daher kommt? Eine Antwort des Mädchens muss man mehrfach hören und denken. „Das war schon interessant. Aber das Reden darüber war total langweilig.“ (S. 54) Da haben wir wirklich einen Punkt. Kinder leben zu wenig Welt. Welt leben wird ersetzt durch „über Welt reden“. Selbstverständlich geht es nicht um die Diskussion, welchen Stellenwert das pädagogisch vorbereitete Gespräch hat. Es geht um die Aufmerksamkeit, dass alle Tun mehr lehrt als das Reden. Das ist es, was an dieser Liste begeistern kann. Sie mutet Kindern etwas zu. Sie mutet Kindern zu, was Kinder am allerliebsten haben: Neues erkunden, Herausforderung erleben, sich in Dienste einüben, für andere etwas tun, Experte werden. Franz Weinert, einer der Großen in der Erforschung der Kognitionspsychologie und also auch der Begabung und Hochbegabung, spricht über die ganz besondere Ideologisierung der Kindheit in Deutschland, gerade auch bei akademischen Eltern. Das mag stutzig machen. Ist nicht gerade eine solche Liste genau das, was man sich vorstellt, wenn Eltern mit überzogenen Erwartungen ihre Kinder fördern? Zunächst zur Position von Weinert. Ideologisierung ist für ihn gerade das Bild der Kindheit, die stressfrei, schön und vom freien, auf keinen Fall von außen angeregten, Spiel bestehen soll. Ein Blick in andere Kulturen zeigt da völlig andere selbstverständliche Annahmen über die Kindheit. Franz Weinert sieht also eine förderungsfeindliche Atmosphäre in Deutschland und bedauert dies sehr. Wie passt das zusammen mit dem Bild ehrgeiziger Eltern? Jede Grundschullehrerin weiß von Eltern zu berichten, die beinahe von Anfang an besorgt sind über die Chancen ihrer Kinder für eine gelungene schulische Karriere bis zum Abitur. Das Weltwissen der Siebenjährigen beschäftigt sich nicht mit dieser Frage. Aber gefragt werden muss noch einmal, ob diese Liste solchen Vorstellungen Vorschub leistet. Also noch einmal: worum geht es in dieser Liste? „Ein Baby gewickelt haben, ein chinesisches Schriftzeichen kennen, das Entstehungsjahr des eigenen Hauses kennen, zwei Anekdoten über sich erzählen können, vor einem Publikum gestanden haben……“ Es geht letztlich bei allem darum, dass das Kind Bedeutung erfährt. In gedoppelter Hinsicht. Es erfährt, was die Welt bedeutet. Und es erfährt vor allem, was es selbst, dieses eine selbst gefühlte Ich, für die Welt bedeutet. Dasselbe kann als Wertediskussion ausgedrückt werden. Den Wert anderer Kulturen erfahren, den Wert der Umwelt erfahren – aber zuvor: den Wert seiner selbst erfahren. Dasselbe kann als Ausbildung zur Empathie ausgedrückt werden. Einfühlungsvermögen in andere, Ehrfurcht vor der Natur setzt eine Verbindung mit der Umwelt und den Menschen voraus. Solche Verbindung wird vor allem geknüpft durch eigenes Tun. Ohne Empathie gibt es keine Gemeinschaft, kein Glück. Aber ebenso ist dafür die Voraussetzung, selbst die Erfahrung zu machen, dass die anderen einem nahe sind, dass man selbst für andere Bedeutung hat. Nichts anderes erfährt ein Kind, wenn ihm zum Beispiel immer wieder liebevoll und mit Achtung besondere Ereignisse aus den ersten Jahren erzählt werden, die das Kind gar nicht erinnern kann. Die Liste muss wahrlich nicht so aussehen, wie sie zunächst aufgestellt wurde. Wichtig ist, was sie tut. Sie zeigt Achtung des Kindes und seiner Fähigkeiten zum Mitgestalten dieser Welt. Dazu muss jeder Mensch im Leben stehen, von Anfang an. Diese Liste über das Weltwissen der Siebenjährigen ist kein Katalog zum Abarbeiten. Sie ist eine Ehrung der Kinder, in der deren Händen, Gedanken und Herzen die Zukunft Wirklichkeit wird.

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